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Produktpiraterie - "Krebsgeschwür" der Globalisierung

Foto: Haramis Kalfar / fotolia.com

Dokument-Nummer: 12119

Produktpiraterie 

"Krebsgeschwür" der Globalisierung

Interview mit Dr. Rüdiger Stihl

Die Felge sieht dem Original täuschend ähnlich. Spürbar wird der Unterschied erst, wenn sie sich der Geschwindigkeit nicht gewachsen zeigt: Gefälschte Produkte schaden nicht nur Staat und Wirtschaft, sie gefährden auch den Verbraucher. Ein Gespräch mit Dr. Rüdiger Stihl, Vorsitzender des Aktionskreises gegen Produkt und Markenpiraterie (APM) e.V., über die wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Produkt- und Markenpiraterie.

Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Dr. Rüdiger Stihl: Es liegt mir sehr am Herzen, die Käufer vor Gefahren zu warnen und vor Unglück zu bewahren. Die Produktpiraterie ist das Krebsgeschwür der Globalisierung und wächst mit erschreckender Rasanz.

Was ist an einer Fälschung für den Verbraucher so gefährlich?

Dr. Rüdiger Stihl: Nachahmungen bergen oft Risiken für Gesundheit und Sicherheit. So können beispielsweise giftige Substanzen und Färbemittel in Textilien oder Kinderspielzeugen schwere Allergien hervorrufen. Noch schlimmere Auswirkungen bringen gefälschte Medikamente mit sich. Oft sind sie eine Gefahr für Leib und Leben, weil Wirkstoffmengen fehlen oder nicht eingehalten werden.

Und wie wirkt sich Produkt- und Markenpiraterie auf die Volkswirtschaft aus?

Dr. Rüdiger Stihl: Die Folgen sind verheerend. Schätzungsweise fünf bis sieben Prozent des Welthandels entfallen heute auf das Geschäft mit gefälschten Produkten. Allein der Schaden für Deutschland beläuft sich somit auf rund 30 Milliarden Euro jährlich und hat bereits 70.000 Arbeitsplätze vernichtet. Der Staat verliert Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen. Außerdem rührt eine Fälschung am guten Ruf eines Unternehmens.

Woran kann ich eine Fälschung erkennen?

Dr. Rüdiger Stihl: Generell gilt: Augen auf beim Produktkauf! Achten Sie auf Verpackung, Beipackzettel, Garantiekarten, Gütesiegel und Echtheitszertifikate. Oft sehen sie verdächtig aus oder fehlen ganz. Nehmen Sie Geruchsproben. Gefährliche Inhaltsstoffe in Textilien oder Spielzeugen dünsten oft aus. Auch wenn Waren zu Schnäppchenpreisen angeboten werden, ist Vorsicht geboten. Vor allem aber der Vertriebsweg gibt Aufschluss über die Echtheit eines Produkts. Bei fliegenden Händlern und auf Trödel- oder Krämermärkten sind Originale in der Regel nicht anzutreffen.

Warum werden Produkte überhaupt gefälscht?

Dr. Rüdiger Stihl: Der Hauptgrund liegt auf der Hand: Mit Plagiaten werden enorme Gewinnspannen erzielt. Denn Fälscher investieren weder in Entwicklung noch in Qualität. Die Produktion findet meist unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen statt und auch Kinderarbeit ist keine Seltenheit. Außerdem wird der Handel mit gefälschten Produkten lange nicht so hart verfolgt und bestraft wie der mit Drogen. Die Einnahmen dagegen können deutlich höher sein. Es ist also ein schnelles und lukratives Geschäft.

Sie fordern ein Bußgeld für Käufer von Plagiaten. Sollte man nicht eher den Fälschern das Handwerk legen?

Dr. Rüdiger Stihl: Natürlich müssen wir das Thema von beiden Seiten angehen. Ein milder Denkzettel in Form eines Bußgeldes für Käufer wäre ein Hinweis, dass hier etwas Unrechtes geschieht. Ganz streng verfährt man in Italien und Frankreich. Hier wird der Kauf von Fälschungen sofort als Straftat eingestuft, mit zum Teil hohen Geldstrafen belegt und das Plagiat aus dem Verkehr gezogen. Unser Ziel ist es nicht, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Vielmehr sollen Verbraucher mehr Achtung vor dem geistigen Eigentum Fremder bekommen.

Und welche Maßnahmen sind notwendig, um den Fälschern ihr Handwerk zu legen?

Dr. Rüdiger Stihl: Wir alle, Politik, Wirtschaft und Verbraucher sitzen in einem Boot und müssen in dieselbe Richtung rudern. Die Politik sollte für Verbraucher Bußgelder androhen und für Fälscher höhere Strafen verabschieden. Vielfach fehlt Behörden die Erfahrung bei der Durchsetzung eingetragener Schutzrechte. Deshalb sind bessere Schulungen von Justiz, Polizei und Zoll notwendig. Die Unternehmen müssen ihre Hausaufgaben machen, indem sie Schutzrechte anmelden und Grenzbeschlagnahmeanträge bei den Zollbehörden stellen. Messegesellschaften sollten ausgestellte Produkte prüfen, bei Befund die Ware einziehen und den Messestand schließen. Verbraucher sind aufzuklären und hinsichtlich ihres Kaufverhaltens zu sensibilisieren. Wie Sie sehen, müssen alle verantwortungsbewusst und nachhaltig mit diesem Thema umgehen. Denn Produkt- und Markenpiraterie ist kein Kavaliersdelikt.

Welchen Appell möchten Sie an die Verbraucher richten?

Dr. Rüdiger Stihl: Die Verbraucher sollten vom Kauf gefälschter Artikel absehen und so zu Verbündeten im Kampf gegen die Produkt und Markenpiraterie werden. Denn auch Fälscher sind Unternehmer und richten ihr Angebot an der Nachfrage aus. Ein „Nein“ zu Plagiaten ist ein „Ja“ zur Bekämpfung der organisierten Fälscherkriminalität.

Das Interview führte Natalie Kuba, APM

Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie e. V.

Der Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM) e.V. in Berlin wurde 1997 gemeinsam vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und dem Markenverband gegründet. Zu den Mitgliedern zählen neben den Initiatorenverbänden über 80 deutsche und ausländische Unternehmen unterschiedlicher Branchen, die gemeinsam gegen Produkt- und Markenpiraterie vorgehen. Als größter branchenübergreifender Verband in Deutschland vertritt APM die Mitgliederinteressen auf deutscher und europäischer Ebene.

APM hat gemeinsam mit der ECE-Gruppe die größte Verbraucheraufklärungskampagne Deutschlands gestartet. Die Ausstellung wandert bundesweit durch 30 Einkaufszentren. Mit Originalen und Fälschungen zum Anfassen und Infotainment für Groß und Klein sollen bis zu zehn Millionen Verbraucher erreicht werden. Bisherige Umfragen haben ergeben, dass jeder zweite Käufer von Plagiaten die bei der Ausstellung gewonnenen Kenntnisse bei seiner Kaufentscheidung künftig berücksichtigen wird. Rund 76 Prozent der Befragten bemängelten die zu geringe Aufklärung. Mit der Ausstellung soll diesem Informationsdefizit entgegengewirkt werden. Außerdem macht APM damit Werbung für Originalprodukte.

Kontakt:
Dr. Rüdiger Stihl
ANDREAS STIHL AG & Co. KG
Badstraße 115
71336 Waiblingen

 

 



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